w w w . p h 2 . n e t

Trient

Trotz der späten Stunde stehen immer noch Zuschauer an der Strecke. Im Zelt treffe ich G. und J. wieder. G. meint es wäre möglich das Rennen noch in unter 40 Stunden zu schaffen und sucht Mitstreiter. Ich schwanke bin aber ziemlich skeptisch. Es herrscht ein Höllenlärm im Zelt. Platz ist nicht so wirklich genug und wärmer könnte es auch sein. Ein paar Kekse, eine Becher Cola und wir marschieren zu dritt weiter. Es ist sofort unangenehm kalt. In kleinen Schritten trippeln wärmt mich auf. Wir beginnen den Anstieg nach Catogne der dankenswerterweise direkt hinter dem Dorf anfängt. Der Weg führt moderat Steil in weiten Serpentinen durch den Wald am Hang entlang. G. geht voraus, ihm ist heiß aber sein Fließ ausziehen will er trotzdem nicht. Es meint das könne er machen wenn er oben wäre. Genau da brauchst du es doch dann aber du Nachteule. Der Schlafmangel scheint nicht nur bei mir langsam Effekte zu zeigen. Nach ein paar hundert Höhenmetern überfällt mich extreme Müdigkeit und mein Kopf spinnt ein wenig. Die Läufer 50 Meter vor mir sehen aus wie Polypen die mit ihren Tentakeln wedeln. Ich halte rechts und links des Weges nach ein paar Metern ebenem Boden Ausschau auf dem ich ein kurzes Nickerchen machen könnte. Als endlich so eine Stelle kommt verabschiede ich mich von den Beiden und schlage mich ins Unterholz weit genug vom Weg weg um nicht ständig geweckt zu werden. Wie lange ich dann geschlafen habe weiß ich nicht aber es waren wohl schon ein paar Minuten das mir beim Aufwachsen wieder extrem kalt war. Macht aber nichts, geht ja bergauf. Weitermarschiert und dabei schnell wieder warm geworden. Weiter oben lichtet sich der Wald und es geht durch Almlandschaft, glaube ich, es ist sehr dunkel, teilweise fast eben auf einem guten Weg am Hang entlang. Da ich ja meine Tabelle verloren habe und das Höhenprofil das ich an der Startnummer festlaminiert habe nicht besonders Aussagekräftig ist weiß ich nicht genau was jetzt zu erwarten ist. Hinter einer Biegung leuchtet unvermittelt der CP Catogne. Ein paar unerschrockene Helfer sitzen hier oben und registrieren die Läufer. So wies ausschaut haben die nicht mal eine Winddichte Behausung. Ein Feuer brennt, zwei, drei Läufer sitzen auf Bänken und ruhen sich aus. Es folgen nun ein paar Serpentinen bevor der Weg breiter wird und sich zu einem Sonntagswanderweg entwickelt. Es war kurz hinter Catogne als die Halluznationen so richtig einsetzten. Zunächst nur leicht. Ein wenig Schwindel. Dann sah ich überall im Wald Häuser stehen. Auf 100 Meter dachte ich es wären prächtige Hotels mit drei Stockwerken und einem Giebeldach, im Türstock standen Läufer, auf 50 Meter entwickelten sie sich zu stattlichen Bauernhäusern mit Blumenkästen vor den Fenstern, auf 20 Meter waren ist noch kleine Hütten oder Ställe und auf 10 Meter dann nur noch ein paar Äste und Baumstämme. Augen kurz zusammenkneifen nützte überhaupt nichts. Dann fing das Glockengeläut an. Ununterbrochen klag Kuhglockengeläut hinter der nächsten Biegung hervor, Kühe oder Zuschauer waren da aber nie. Dann lief meine innere Stimme Amok. Bislang hatte ich mir ab und an gut zugeredet: "die Füße sind noch, die Oberschenkel tun kaum weh, läuft doch alles prima, es ist nicht mehr weit. das wird sicher was mit dem Ziel" jetzt stürzten in horrendem Tempo Kinderabzählreime durch meinen Schädel ohne das ich dagegen etwas machen konnte oder auch nur ein Wort dazwischen bekam. Die Wörter in den Abzählreimen stimmten außerdem nicht. Ich kann mich leider jetzt nicht mehr daran erinnern was ich mir da genau erzählt habe aber mir fiel sogar in dem konfusen Zustand in dem ich mich befand auf das alles Sinnlos und Wirr war. Als letztes begann dann meine letzter Fixpunkt in diesem Wunderland, der Boden an sich zu bewegen, die Steine schwammen auf dem Untergrund und Ölschlieren auf Wasser. Das wurde jetzt definitiv zu gefährlich, weiß Gott was als nächstes kommt. Ich war auch schon wieder tief genug und im Wald relativ windgeschützt um wenigstens ein wenig schlafen zu können. Also neben den Weg ins Gebüsch gelegt und geschlafen. Wie lange weiß ich nicht, ich glaube nicht lange. Eigentlich wollte ich mich ja erst in Vallorcine kurz hinlegen, im warmen Zelt, aber so lange kann ich jetzt nicht mehr warten. Nach dem Nickerchen ging wieder ein Weilchen ganz gut und im Einklang mit der Realität den Berg runter, dann das gleiche Spiel von vorn, und wieder und wieder. Auf diese Weise habe ich eine knappe Stunde auf die Leute um mich herum verloren. Ich habe mehrfach versucht festzustellen wie lange ich da jeweils geschlafen habe indem ich beim hinlegen auf die Uhr geguckt habe und beim Aufstehen wieder. Beim Aufstehen war da aber immer die gleiche Zeit wie beim einschlafen, das hat mich zusätzlich verwirrt. Jetzt ist mir klar woran das lag. Ich habe die ganze Zeit auf den Höhenmesser geschaut.
VP in Vallorcine

VP in Vallorcine

Endlich Vallorcine. Es ist noch immer stockfinstere Nach. Im Zelt treffe ich J. , G. ist schon weiter und versucht die sub40. Es gibt in Vallorcine leider doch keine Ruheraum aber ich versuche auf den Holzboden des Zelts ein wenig zu schlafen. Das gelingt leidlich da es zieht und zu laut ist. Außerdem vibriert der Boden ständig wenn jemand auf die Palette tritt. J. ist auch ziemlich müde und liegt ebenfalls da. Im Gegensatz zu mir kann er glaube ich ein wenig schlafen. Er erzählt das er auch üble Halluzinationen auf dem Weg runter nach Vallorcine hatte aber im Gegensatz zu mir hat er es ohne anzuhalten bis hierher geschafft. Ich esse ein wenig, trinke ein wenig und dann ziehen wir zu zweit weiter. Es geht sanft bergauf an einem Bach entlang und über Wiesen, noch immer ist Nacht. Ein wenig Unterhalten hilft gegen die Müdigkeit. Die Batterien an J. Lampe fangen dann an zu schwächeln und am Col des Montets halten wir kurz an damit ich ihm meine Ersatzlampe geben kann. Es beginnt langsam zu dämmern. Ab hier wird es auch wieder Steil. Letzter Anstieg. Mir wird vor lauter Müdigkeit schon wieder schlecht, ich verabschiede J. und lege mich auf dem Weg den Berg hinauf zweimal schlafen. Auch hier ist es schwer geeignete Plätze zum schlafen zu finden. Der Aufstieg kommt mir kürzer vor als er eigentlich ist und oben werden nach einer Reihe von Scheingipfeln mit einem großartigen Ausblick auf den morgendlichen Mont Blanc belohnt. Allein hierfür hat es sich schon gelohnt herzukommen. Ein Kameramann filmt einen Franzosen im Gehen der dabei etwas über den Lauf erzählt. Ich mogle mich an einer geeigneten Stelle vorbei. Es geht jetzt wieder ganz gut. Die Müdigkeit ist weg, Schmerzen habe ich abgesehen von an den Zehen keine.

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