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Der Kleine Kobolt light

106km 3400hm Ultramarathon auf dem Rheinsteig

Schon mal einen Ultramarathon gelaufen? Ich auch nicht. Was ich erlebt habe dürfte also so ziemlich das sein, was einen jeden erwartet, wenn er sich das erste Mal und ziemlich blauäugig auf eine solche Veranstaltung einlässt. Wie schreibt man über einen Ultramarathon? Das eigentliche Geschehen findet laut den einschlägigen Publikationen in einem selbst statt und hat nur wenig mit der Strecke oder der Landschaft zu tun. In einem Ultramarathon hat jeder seine eigene Zeit- und Kilometermessung, seine eigenen Landmarken, die nicht viel oder zumindest nicht unmittelbar mit den tatsächlichen Streckengegebenheiten zu tun haben. Ein Ultramarathon wird, so zumindest mein Eindruck, im Kopf gelaufen.
Der Start für die kleine 106 km Variante des kleinen Kobolts war in Rengsdorf, leicht zu erreichen mit Bahn und Taxi. An der letzten Bahnstation vor Rengsdorf in Neuwied war die Reisegruppe dann bereits auf drei Personen angewachsen und so teilten wir uns ein Taxi. Nach 5 Minuten Taxifahrt stellte einer der Mitfahrer fest, dass es ihm heute nicht so besonders ginge, und dass er sich die Sache noch mal gründlich überlegt hätte, lieber umkehren und mit dem Zug zurück nach Hause fahren werde. Folgerichtig lies ihn der Taxifahrer an der nächsten Bushaltestelle raus und wir waren nur noch zu Zweit. Schlechtes Omen, glauben wir nicht dran! An dem Grill/Sportplatz angekommen ,von welchem es losgehen sollte mussten wir dann leider feststellen, dass sich noch die Stöcke des maladen Unglücksraben im Kofferraum des Taxis befanden. Ich hoffe der Fahrer hat ihn noch an der Halstestelle angetroffen und konnte die Stöcke zurückgeben.
Wir sind etwa eine Dreiviertelstunde zu früh und am Startpunkt ist noch nicht besonders viel los. Wir werden erst einmal von der Rennleitung ordnungsgemäß angemeldet und Ausrüstungstechnisch überprüft. Von der Trillerpfeife bis zur Wärmedecke wird alles für gut befunden, die Startnummern werden befestigt und jetzt könnte es eigentlich losgehen. Die dünnen Leibchen sind etwas kühl, um damit im schneidenden Winterwind rumzustehen. Nach etwa einer Dreiviertelstunde ist es dann aber so weit und wir, die wir inzwischen 8 Läufer zählen, dürfen hinter der in den Schnee gezogenen Startlinie Aufstellung nehmen. Samstag 14:00 h Start.
Eigentlich soll man eine solche Distanz ja langsam angehen, aber wegen der Kälte laufen alle vom Start weg in ordentlichem Tempo los. Nach ein paar hundert Metern rächt sich das dann überraschend schnell denn wir, Arndt und ich, der ich ihm gefolgt bin, haben uns verlaufen und sind auf einem der Zuwege des Rheinsteigs gelandet. Die zwei Spaziergänger, die wir befragen schicken uns prompt in die falsche Richtung, aber glücklicherweise bemerken wir den Fehler schnell und drehen um. Nach ein paar Minuten sehen wir dann wieder die blauen Rheinsteigmarkierungen und sind demzufolge auf dem richtigen Weg. Wir laufen von hinten auf Bruno auf und in der irrigen Annahme er wäre das Schlusslicht, legen wir einen Zahn zu, um zum Rest der Truppe aufzuschließen. Nach zehn Minuten in ziemlich flottem Tempo und einer kurzer Examination der Fußspuren im Schnee erkennen wir unseren Irrtum, laufen langsamer und mit der Arbeitshypothese weiter, dass sich alle anderen auch verlaufen haben müssen und deshalb von Bruno überholt wurden. Wir, da sind wir verhältnismäßig sicher, müssten auf dem in etwa richtigen Weg unterwegs sein.
Das mit dem richtigen Weg erweist sich mit zunehmender Strecke immer mehr als Interpretationssache. Der Rheinsteig ist durch ein stilisiertes, blaues R auf weißem Grund markiert. Zuwege zum Rheinsteig durch das gleiche Symbol in gelb und ein dritter Wanderweg durch ein R auf blauem Grund. Manche der Symbole reflektieren Licht andere sind nur mit Farbe an einen Baumstamm gepinselt. Ist es Nacht, trägt man eine gelb getönte Brille und ist zudem nicht mehr der Allerfrischeste sehen alle drei Wegmarkierungen fast gleich aus. Zudem ist der Steig in beide Richtungen mit Pfeilen unterhalb des Symbols markiert. Wenn man also einmal den Pfad verliert und dann wieder findet, weiß man nicht in welche Richtung es nun weitergeht. Zusätzlich gibt es den Rheinsteig noch nicht so lange und die Strecke wurde noch nicht ultimativ in allen Details auf alle Ewigkeit festgezurrt, so dass die GPS-Tracks aus dem Internet teilweise noch ältere, aufgegebene Streckenvarianten beschreiben.
Soweit ist es aber noch Tag und die Probleme sind beherrschbar. Zwar verlaufen wir uns auf der ersten Etappe um den ein oder anderen Kilometer, aber so richtig grobe Schnitzer sind noch nicht dabei. Zusätzlich halten auch das schöne Winterwetter und der Blick über den viel befahrenen Rhein nach Andernach die Moral oben.
Ich habe den Rheinsteig in 8 Abschnitten auf dem Forerunner 304 gespeichert, um die Limitierung auf 150 Wegpunkte pro Track zu umgehen. Der erste GPS-Track ist kurz vor Leutesdorf. Zu Ende aber nach dem Laden des zweiten Tracks, der uns eigentlich von Leutesdorf bis Rheinbrohl führen soll, steht auf dem Display der GPS-Uhr: „Distance to Start 5600 Miles“. Das ist natürlich jetzt nicht so gut und leider bringt mehrfaches Neuladen des Tracks und Reseten des Geräts kein erfreulicheres Ergebnis. Von hier ab also Navigation ohne GPS nur noch anhand der Kartenblätter und der Wegmarkierungen. Während ich versucht habe die Elektrikprobleme zu beheben, sind wir langsam weitergelaufen und Arndt, der nicht wissen konnte, dass wir blind unterwegs waren und dachte, ich würde schon was sagen wenn wir falsch liefen, hat nicht auf Markierungen geachtet. Also sind wir falsch und laufen nun in die Richtung, in der wir den Steig vermuten, vom Ortsrand von Leutesdorf die Weinberge hinauf. Recht schnell finden wir den Weg wieder und können langsam weiter Richtung Bonn traben. Die Dämmerung setzt ein und ich beginne mich zu fragen, wie die Geschichte hier weitergehen soll sobald es ganz dunkel ist. Es geht zur Burg Hammerstein hinauf und während wir auf der anderen Seite des Felsens absteigen wird es Nacht. In Hammerstein steht schon ein Offizieller und erkundigt sich nach unserem Befinden. Gut soweit! Da wir vermutlich auf der falschen Seite der Bahngleise waren verlaufen wir uns jetzt allerdings noch mal und irren etwa 300 Meter auf der Bundesstraße am Ortseingang von Hammerstein vorbei bis zu einem Hotel. Alles zurück und wieder einmal nach dem Weg gesucht. Plötzlich stehen wir in einem Hinterhof, der durch eine zwei Meter hohe Mauer und ein Eisentor von der Ortsstraße getrennt wird. Zurücklaufen und die richtige Abzweigung von der Straße suchen ist uns zu unsicher und zu weit also steigen wir über das Tor und gehen schnell weiter, um nicht zur Rede gestellt zu werden falls uns Bewohner beim Überklettern ihrer Sperranlagen beobachtet haben. Wenn zwei schwarz gekleidete Gestalten mit Stirnlampen und Ganzkörperkondomen nachts in Ihrem Garten rumturnen, was würden Sie denken? Zum Glück findet das ganze hier nicht in einem Land statt, in dem jeder ein Gewehr auf dem Nachttisch liegen hat. Auf der Ortsstraße gibt es dann keine Rheinsteigmarkierungen mehr bis sie nach 200 Metern in einen Waldweg übergeht. Wäre das nicht die einzige Straße gewesen, die in Frage gekommen wäre, hätten wir längst umgedreht und nach Markierungen gesucht.
Es geht steil durch den verschneiten Wald hinauf und wir kommen an einer Schlüsselstelle des kleinen Kobolt, „der Stelle mit dem Hund“, vor der schon in der Einweisung vor dem Start gewarnt wurde, und die auf allen Karten als besondere Gefahrenstelle verzeichnet ist. Erst einmal verlaufen wir uns allerdings ein wenig (obwohl wir sklavisch den Markierungen folgen) in einem veritablen kleinen Schneesturm und kommen erst hinter dem Hof, in dem die Bestie hausen soll, raus. Um zurück auf den Weg zu gelangen drücken wir uns vorsichtig an selbstgemalten Schildern („Eltern haften für Ihre Kinder“, „Betreten auf eigene Gefahr“, „Wer hier eintritt lasse alle Hoffnung fahren“) am Hofeingang vorbei und im Anschluss über den Platz vor dem Hof. Aufatmen, kein Hund weit und breit. Wie wir später erfahren waren wir die einzigen die dem Hund nicht begegnet sind. Wahrscheinlich haben die Hofbewohner unsere Lichter gesehen und daraufhin erst Ihren Wauwau in die Winternacht hinaus zum Läufer anfallen geschickt.
Bald danach erreichen wir Rheinbrohl und vermuten den VP zunächst unter der großen Straßenbrücke, wo er sich dann doch nicht befindet. Wir sind aber nicht die einzig Verwirrten, eine Betreuerin im VW-Bus weiß auch nicht weiter. Wir müssen also erst einmal via Handy Kontakt mit dem Race Director aufnehmen bevor es weitergehen kann. Just eine Minute entfernt ist er dann aber, der VP. Die Auswahl in dem neben der Straße aufgebauten Gartenzelt ist phantastisch. Es gibt Brühe, Nudelsuppe, diverse Getränke, Salzstangen, Gummibärchen, Würstchen, Chips und noch viel mehr, von dem ich leider nicht so viel mitbekomme, weil ich die zehn Minuten, die wir pausieren, zu einem guten Teil mit Rucksack auf und Absetzen und Wasserblase auffüllen verbringe. Besonders praktisch ist das mit den ganzen dünnen Riemchen nicht, vielleicht fehlt mir aber auch einfach nur die Übung. Dass die Kabel des bisher noch nicht genutzten MP3 Players sich ständig in den Gurten verheddern hilft natürlich auch nicht. Die Betreuer sind alle äußerst freundlich und man schämt sich fast, das Campingidyll mit VW-Bus und Gasheizer durch die eigene Anwesenheit zu stören.
Frisch verpflegt nehmen wir Abschied und verlaufen uns erst einmal wieder. Am Einstieg zum „alten“ Rheinsteig der auf meinem GPS verzeichnet war sind wir schon vorbei und auf dem hätten wir den VP auch gar nicht passiert, der neue, mit den blauen Blättchen markierte Rheinsteig verläuft auch anders als auf den am Start ausgegebenen Kartenblättern verzeichnet. Wir wählen eine vierte, nirgendwo dokumentierte Variante, die uns nach ein wenig suchen oberhalb von Rheinbrohl zurück auf den markierten Weg bringt. Ab hier fangen die Erinnerungslücken an. Alles sieht ein wenig gleich aus. Nach einem Hungerast meinerseits und ein paar Verlaufern ist der nächste Ort, an den ich mich erinnere, ein Fußballfeld, an dem wir uns ausnahmsweise mal nicht verirren. So sehr ich mir auch den Kopf zermartere, es ist als wäre ich nie in den Orten dazwischen Bad Hönningen, Ariendorf, Leubsdorf und Dattenberg gewesen. Bald nach dem Fußballfeld kommt noch eine zweite, ebenfalls sehr schön gelegene Sportanlage und hinter der geht es auch schon steil nach Linz hinunter.
Wir erreichen Linz und verlieren auf einer geraden Straße ohne Abzweigmöglichkeiten erst einmal erneut die Markierung. Nach etwas Suchen finden wir sie an einer Tiefgarage und folgen Ihr in den Ort. Viele Lichter und ein Weihnachtsmarkt in den Fachwerkhaus gesäumten Gassen vermitteln eine schöne Winterstimmung. Aus den Kneipen kommt Gelächter und Musik. Vielleicht ein kleines Bier? Wir verlieren den Weg kurz hinter einer Markierung, die von einem Weihnachtsbaum verdeckt wird, aufs Neue, suchen eine Weile kreuz und quer durch den historischen Kern von Linz nach weiteren Markierungen finden aber lange keine. Endlich sehen wir in der Nähe des Weihnachtsmarktes eine und während sich schon in meinem Hinterkopf ein düsterer Gedanke zu formulieren beginnt, kommt aus der Gegenrichtung ein Licht durch die Dunkelheit auf uns zugewackelt. Das Licht, Stefan, trifft hier also in Linz auf zwei orientierungslose Gestalten, die eine halbe Stunde lang dem Rheinsteig in die falsche Richtung gefolgt sind. Glücklicherweise haben wir dabei nicht zu viel Boden verloren. Ultralaufen lehrt kreatives Fluchen!
Stefan ist die Strecke vor kurzer Zeit schon einmal gelaufen und weiß wo es lang geht. Glücksfall denke ich mir und beschließe mich für den Rest des Abends und des kommenden Tages an seine Fersen zu heften komme was da wolle. Wird noch einiges kommen!!
Nun zu dritt durchqueren wir mit neuer Zielstrebigkeit Linz und laufen über die Burg Ockenfels in kurzer Zeit nach Kasbach, dem zweiten VP für den Kleinen Kobolt light. Hier werden auch die Drop-Bags aufbewahrt, die man vor dem Rennen abgeben konnte, um auf halber Strecke warme Kleidung zum Wechseln, Müsliriegel oder sonstige Utensilien zur Hand zu haben. Die freiwillige Feuerwehr hat hier ein Zelt mit allem Drum und Dran neben einem Gebäude, das aussieht wie ein Transformatorenhäuschen, aufgebaut. Auch hier gibt es alles, was man sich nur wünschen kann. Leider geht viel Zeit mit Wasser nachfüllen und Suppe essen drauf, so dass kaum noch ein paar Minuten für das imposante kalte Büfett bleiben. Prompt vergesse ich dann auch in der relativen Hektik das mitzunehmen, was mir wohl in den nächsten Stunden am meisten genutzt hätte nämlich meine Stöcke, die ich am Dropbag befestigt hatte. Frisch gestärkt verabschieden wir uns viel zu früh von dem heimeligen Verpflegungspunkt, steigen eine Stiege hinauf, die nach ein paar hundert Metern abflacht, und nun erlaubt zu laufen. Da wir in unserem Trupp einen der Organisatoren des Rennens haben, können wir die Schleife zur Erpeler Ley natürlich nicht abkürzen (hätten wir selbstverständlich auch sonst nicht getan…) und dürfen bei der Aussichtsrunde den Blick hinab auf den Rhein und Remagen genießen. Auf der anderen Uferseite kann man die Überreste der historischen Brücke von Remagen in der Dunkelheit erkennen.
Nun folgt ein langer Abschnitt durch dunklen Wald und über eisige Felder. Das ist überhaupt das Unangenehmste, freie Flächen ohne Schutz vor dem eisigen Wind. Arndt fängt an sich nach vorne abzusetzen und bald verschwindet sein Licht zwischen den Baumstämmen. Auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt vielleicht ein wenig schneller könnte, bleibe ich schön bei Stefan mit der Ortskenntnis. Sich allein auf den Weg zu machen, wäre bei meinen eingeschränkten Orientierungsmitteln und Fähigkeiten ein aussichtsloses Beginnen. Wir traben also nun zu zweit eine knappe Stunde vor uns hin, da kommt plötzlich von hinten ein Licht den Weg heruntergerannt als handele es sich um einen Kurzstreckenlauf. Arndt ist es; er war nach eigener Auskunft mindestens 1.5 km an einer Abbiegung vorbei gelaufen und musste dann den Renndirektor anrufen, um zu fragen wie es weitergehe. Glücklicherweise hat er uns dann auf dem Bergabstück hier eingeholt. Bald erreichen wir den Rand von Bad Honnef von wo es ohne große Veränderungen in der Wegbeschaffenheit im Zickzack über das Siebengebirge weiter Richtung Norden geht. Arndt, der sich zwischenzeitlich erneut nach vorne abgesetzt hatte kommt wieder von hinten angelaufen. Er setzt sich entschlossen auch gleich an die Spitze. Beim folgenden Anstieg bleibt er aber in unserer Nähe, um den Weg nicht zu verlieren. Wir kommen an dessen Ende an der Löwenburg vorbei, von der man leider nicht viel sieht und müssen laut Karte jetzt nur noch bergab laufen, um zum nächsten VP zu gelangen.
Apropos Karte. Das Kartenlesen, das ich weniger zur Orientierung - wir haben ja Stefan - betreibe als um mich von den zunehmenden Schmerzen in meinem rechten Knie abzulenken, wird auch zunehmend schwieriger. Durch die Kälte und Erschöpfung sehe ich nicht mehr besonders gut und die feinen Linien, die auf der Karte Forstwege markieren, sind kaum noch zu erkennen. Außerdem, wenn man auf die von der Stirnlampe angeleuchtete weitgehend weiße Karte geguckt hat, brauchen die Augen einen Moment, um sich wieder an die Dunkelheit der Umgebung zu gewöhnen. Solange ist man dann quasi blind dem Weg ausgeliefert, der gerade jetzt zu Hochform aufläuft. Durchweichte und von schweren Landwirtschaftsfahrzeugen zerfurchte Wirtschaftswege sind durch die niedrigen Temperaturen gefroren, der sonst nachgiebige Schlamm ist bockelhart und eignet sich bestens dazu, in der Dunkelheit umzuknicken.
Auf dem Weg runter nach Rhöndorf, wo der VP4 liegt, werden die Schmerzen im rechten Fuß und Knie schließlich so schlimm, dass ich dazu übergehe, den anderen beiden etwa 50 Meter Vorsprung zu geben, dann hinterher zu spurten bis ich aufgeschlossen habe und das zigmal zu wiederholen bis am Ende einer Straße endlich die Lichter des VP auftauchen. Auch hier gibt es wieder alles ,was man sich wünschen kann und nun habe ich auch richtig Hunger. Hoffentlich haben alle nachfolgenden Teilnehmer noch genug Würstchen vorgefunden, denn der Würstchenvorrat wurden quasi dezimiert und auch von den Salzstangen waren vor unserem Besuch merklich mehr da. Die Sorgen die ich mir vorher um die Lebensmittelversorgung, die Getränke und meinen Magen gemacht hatte erweisen sich also als unbegründet. Trotz des eiskalten Wassers aus der Trinkblase gab es bisher keine Probleme und bis kurz vor Schluss habe ich es auch geschafft, genug zu essen und damit nicht in den Unterzucker zu geraten. Mir fällt auf, dass ich den MP3 Player und die dazugehörigen Kopfhörer ,die jetzt seit über 14 Stunden an meinem Rucksack baumeln, noch kein einziges mal benutzt habe. Arndt übrigens glaube ich auch nicht. Der trägt seit dem ersten Meter einen Bügelkopfhörer um den Hals auf den Schultern spazieren. Unterhaltungselektronik kann man also bei solchen Veranstaltungen getrost zu Hause lassen. Nicht nur, dass man auch so schon genug unterhalten wird, es wäre sogar schlecht für die Orientierung sich noch auf etwas anderes zu konzentrieren als den Weg und die Gespräche mit Mitläufern sind von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die Moral.
Hinter dem VP führt der Rheinsteig steil zum Drachenfels hinauf. Obwohl es immer noch zappenduster ist, haben wir eine ansehnliche Aussicht auf den Rhein bis Bonn im Norden. Das Telekomgebäude ist zu sehen. Da müssen wir hin. Sieht eigentlich ganz nah aus. Auf dem Weg vom Drachenfels über die Drachenburg hinunter gehen mir wegen meiner Beinprobleme dann leider die zwei Mitläufer verloren, aber am Anfang des Gegenanstiegs hinauf zum Petersberg kann ich sie einholen. Bergauf ist für mein Knie und meinen Fuß kein Problem, nur bergab schmerzt höllisch. Der Weg zum Petersberg ist schwer zu finden und zieht sich. Andere Läufer erzählen später im Ziel, dass sie wegen Orientierungsschwierigkeiten für einen Abschnitt von 800 Metern hier fast eine Stunde gebraucht hätten. Arndt, der sich mittlerweile wieder nach vorne verflüchtigt hat, erscheint als hoppelndes Licht am falschen Berghang und schließt aus gewohnt unorthodoxer Richtung kurz vor dem Hotel auf dem Petersberg zu uns auf. Meine Bewunderung für Arndt ist inzwischen über jedes fassbare Maß hinaus gewachsen. Was ich neben all der Ausdauer, die er an die Nacht legt, einmal haben möchte ist diese quasi übermenschliche Frustrationstoleranz. Wie geht so was? Ich an seiner Stelle wäre nach so vielen Verhauern und unnötigen Höhenmetern schon längst in depressiver Stimmung in das nächste greifbare Taxi gestiegen bzw. würde nun hier, im Hotel auf dem Petersberg, einen Barhocker okkupieren und das ganze Projekt für gescheitert erklären. Arndt nicht, der läuft mit einem „Fragt nicht!“ an uns vorbei und nach ein paar Minuten ist seine Lampe in der Dunkelheit verschwunden.
Der Weg vom Petersberg hinunter tut jetzt wirklich säuisch weh und kurz vor dem Talgrund lasse ich Stefan ziehen weil mir in meinen Zwischensprints zwischenzeitlich schon schummrig vor Schmerzen geworden ist. Es ist ja nicht mehr so weit denke ich mir, muss auch so gehen. 2 Minuten nach dieser Entscheidung verlaufe ich mich zum ersten mal wieder. Stefan hat einen KM weiter übrigens zwei Minuten auf mich gewartet, weil Ihm zunächst gar nicht aufgefallen war, dass ihm eines seiner Schäflein abhanden gekommen war. Aber an diese Stelle kam ich sicher schon mit 10 bis 15 Minuten Verspätung nach ihm. Oberhalb von Oberdollendorf geht es durch Weinberge nun ohne den Schutz des Waldes. Eigentlich sind die Temperaturen gestiegen, aber so nah am Rhein ist die Luftfeuchtigkeit hoch. Es ist subjektiv um ein Vielfaches kälter als es in den letzten 16 Stunden je gewesen ist.
Die vereinzelt im Schnee liegenden Eichenblätter fließen auf ihrer weißen Unterlage auseinander wie Blutlachen in Filmen. Spitze! Ist das jetzt meine erste Halluzination oder bilde ich mir das nur ein? Wie ich von hier bis zur Stadtgrenze von Bonn gekommen weiß ich nicht mehr. Nur dass ich mich verlaufen habe, da bin ich sicher. Einmal stand ich am Ende eines Feldweges, vor mir die Autobahn und weit und breit keine Möglichkeit, sie zu überqueren. Ein andermal habe ich eine komplette Runde um eine Verkehrsinsel gedreht bevor mir aufgefallen ist, dass keine der Abfahrten eine blaue Rheinsteigmarkierung hatte und ich ja auch schon seit längerer Zeit keine von den Dingern mehr gesehen hatte.
Bonn ist um diese Zeit fast tot. Nirgends Betrieb. Schwarze Schneereste liegen in den ausgestorbenen Straßen. Stefan hat vorhin erzählt es gäbe einem einen gewaltigen Motivationsschub wenn die Sonne nach einer durchlaufenen Nacht aufgeht. Leider geht heute in Bonn aber gar nichts auf. Der Himmel wechselt nur langsam von einem leicht rötlichem Schwarz in ein feuchtes Betongrau. Überhaupt nicht aufheiternd. Ultralaufen lehrt Demut. Von den Orientierungspunkten, die ich mir eingeprägt hatte, ist weit und breit nichts zu sehen. Kein Telekomtower, kein Telekomcampus, kein Garnix. Hoffentlich kommt keine Polizeistreife vorbei und sieht mich das Trottoir entlang humpeln. Die entmündigen mich vermutlich stante pede und packen mich ein. Eine geöffnete Bäckerei! Nix wie rein und zwei Brezeln gekauft, um ein wenigstens ein wenig Wärme zu tanken. Eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass Backwaren zu dieser Zeit noch warm oder zumindest frisch sind, aber die stock trockenen Brezeln - offensichtlich vom Vortag - kann ich nicht runter würgen. Raus aus der Bäckerei und nach 200 Metern mit der EC-Karte in die noch geschlossene Schalterhalle einer Sparkasse eingecheckt. Noch mal aufwärmen. Und weiter, immer in der ungefähren Richtung des Ziels. Nach unendlich langer Zeit, die Sonne ist inzwischen so gut wie aufgegangen obwohl man nur graue Wolken sieht, komme ich endlich an die Rheinpromenade. Viele Jogger sind so früh am Morgen schon unterwegs, aber keiner davon sieht aus als könnte er sich an Ernsthaftigkeit in der Ausübung seines Hobby mit mir messen. Ich humple stolz am Rhein entlang gen Norden.
Bald ist in ein paar hundert Meter Entfernung ein Bagger zu sehen. Das Ziel sollte in der Nähe einer Baustelle mit einem großen Kran sein. Ein Bagger ist kein Kran aber wo ein Bagger ist, ist eine Baustelle und wo eine Baustelle ist, ist hoffentlich auch ein Kran nicht weit und tatsächlich: so ist es. Eine Tür, ein Banner mit „Ziel“ darauf und auf einem Zettel eine Telefonnummer zum Anrufen wenn man angekommen ist. Dass die Tür offen steht, bekomme ich nicht mehr mit und brauche so zunächst ein paar Minuten bis ich mit den behandschuhten Pfoten auf dem Touchscreen meines Handy die Nummer getippt habe. Ein herzlicher Empfang. Lebensmittel soweit das Auge reicht und sogar ein Zielbier gibt es! 18 Stunden und 27 Minuten. Arndt und Stefan sind schon eine Weile hier. Auf den letzten 6 Km waren die beiden eine Dreiviertelstunde schneller als ich. Eine heiße Dusche gibt es, schlafen wäre auch möglich. Trotz der fast durchgehend nassen Schuhe sind an den Füßen keine Blasen. (Abgesehen von einem Centstück großen schwarzen Fleck an der Außenseite der großen Zehe, der vielleicht eine sein könnte. So genau kann ich das aber nicht herausfinden , weil ich mich für eine nähere Untersuchung bücken müsste und das ist echt nicht mehr drin). Die Sieger gewinnen neben einem Schieferpokal ein Fass Bier. Ultraläufer sind, so scheint es, sympathische Menschen die den groben Unfug, den sie da veranstalten nicht zu ernst nehmen. Bei einem solchen Ultralauf handelt es sich ja auch nicht um eine Sportveranstaltung im gewöhnlichen Sinne sondern mehr um ein Abenteuer.
Rückfahrt ,Was der verschneite Rheinsteig auf 106 km und in 18 Stunden nicht geschafft hat, ist der Deutschen Bahn ein leichtes. Mein Zug fiel aus und ich musste erst mal drei Stunden am Bonner Bahnhof in der Kälte warten bis ein Zug fuhr, für den noch eine Reservierung zu bekommen war, weil ich nicht die Strecke bis Freiburg stehend zurücklegen wollte. Stehen musste ich aber trotzdem, weil ich meinen Sitzplatz einer älteren Dame abgetreten hatte, die ihn nötiger brauchte als ich und nur deshalb keinen hatte, weil ihre Reservierung in einem anderen ausgefallenen Zug verfallen war. Einen Anschlusszug habe ich dann nicht bekommen, weil ich mit meinem lädierten Knie nicht schnell genug die Bahnsteige wechseln konnte. Der Typ am Infopoint meinte das wäre ja schon meine eigene Schuld und dafür könnte die Bahn ja nix etc. etc.. Fazit der Bahnreise: eine mittelschwere Erkältung vom Rumstehen auf kalten Bahnhöfen.
Die Geschichte war um einiges Herausfordernder als ich es mir vorgestellt hatte. Weniger die Wegverhältnisse oder die steilen Anstiege waren ein Problem als vielmehr die Navigation auf dem dunklen Rheinsteig und die Belastung der Füße und Knie in den Abstiegen. Im Übrigen bin ich überzeugt davon, dass das Organisationskomitee des UMBT einen Punkt mehr an den Kleinen Kobolt und den Kleinen Kobolt light vergeben hätte, wenn es gewusst hätte wie das Ganze tatsächlich aussieht. Des Weiteren ist meine Bewunderung für Teilnehmer, die den Weg ohne Ortskenntnisse und GPS nur anhand der Markierungen und Kartenblätter gefunden haben, gewaltig.
Die Grenze für solche Unternehmungen sind nach erster Maneuveranalyse hauptsächlich die Gelenke und Knochen. Diese Grenze lässt sich wahrscheinlich tatsächlich nur durch jahrelanges Training weiter nach oben schieben. Die Knorpel werden dicker, die Gelenke schlagfester. Wären es noch mal 20 km gewesen hätte ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aufgegeben.
Vielen, vielen, vielen Dank an Stefan für die Navigation und den ermunternden Zuspruch ab Linz. Ohne Dich hätte zumindest ich das Ziel wahrscheinlich nicht gesehen und vielen Dank an Arndt, denn ohne Dich wäre ich sicher frühestens zwei Stunden später dort angekommen. Vielen herzlichen Dank an die drei Organisatoren des Kleinen Kobolt und an die tollen Helfer und Helferinnen an den Verpflegungsstationen und im Ziel.

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