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27. Tag Jesolo bis Marina di Venezia (Lido)

Prima Wanderweg

Prima Wanderweg

Die Lage unseres Zeltplatzes- neben dem Autobahnzubringer - motiviert uns, früh aufzustehen und das Zelt einzupacken bevor die italienische Polizei uns einpackt. Zwar sieht man in Italien angeblich einiges lockerer, aber Zelten auf Verkehrsinseln geht vermutlich zu weit. Einmal mehr sind wir für die grüne Tarnfarbe des Außenzeltes dankbar. Empfehlenswerter als Signalfarben, wenn man plant zu campen, wo es nicht ausdrücklich erlaubt ist. Die sanitären Einrichtungen auf einer Verkehrsinsel sind natürlich sehr bescheiden; wir riechen inzwischen sicher interessant. Besonders ich mit meinem gestern in Gülle getauchtem Bein. Zuletzt haben wir kurz nach Belluno respektive vor drei Tagen in der Piave gebadet. Wir wandern nun auf die Bundesstraße/Autobahn hinauf. Ich bin nicht sicher um was es sich dabei genau handelt, aber die Straße hat beidseitig eine Standspur, auf der wir bequem wandern können. Wir finden ein Handy und den dazugehörigen Akku ein paar Meter weiter. Phantasieren was wohl einen Italiener dazu getrieben haben mag, sein Telefonio aus dem Autofenster zu pfeffern. Überhaupt kann man auf der Standspur viel entdecken. Insbesondere CDs die von ihren vormaligen Besitzern hier entsorgt wurden. Der von Grassler beschriebene Weg läuft parallel ein Stück weiter nördlich an der Sile entlang, aber ich kann inzwischen trotz präventiver Einnahme von Schmerzmitteln wirklich nur noch auf Asphalt laufen.
Erster Blick auf's Meer

Erster Blick auf's Meer

Nach ein paar Kilometern erreichen wir Lido die Jesolo. Durch viele Straßen geht es kreuz und quer halbrechts in die ungefähre Richtung des Meeres. Die Siedlungsdichte nimmt zu und schließlich geht es auf einem schmalen Fußweg durch den Riegel der Hotels, die das Land vom Strand trennen. Sand unter den Füßen, grauer Himmel, aufgewühlte See. Keine Schwimmer. Wir gehen bis zur Brandung vor und machen Fotos. Zum Ausziehen und Reinspringen reicht der Enthusiasmus aber doch nicht so ganz aus. Ein paar Meter hinter uns macht eine Strandbar auf, in die wir alternativ einkehren. Es scheint nur eine Aerosmith CD verfügbar zu sein. Wir essen, probieren das gefundene Handy aus und sind rundum glücklich. Von München bis zum Meer! Soviel haben wir schon! Venedig ist quasi um die Ecke am Ende dieser Riesensandbank und nur noch Zugabe. Im Prinzip sind wir da! Spitzenstimmung!!
Meer anfassen

Meer anfassen

Wir spazieren schließlich weiter entlang der betonierten Strandpromenade. Ein Hotel am anderen rechts, verlassene Liegestuhlbatterien links. Alles in Reih und Glied und alle 100 Meter eine geschlossene Strandbar. Als wir endlich wieder eine geöffnete finden kehren wir prompt wieder ein, um weiter zu feiern. Sofort beginnt es in Strömen zu regnen Erst geht es unter dem Hawaii-Schirm noch recht trocken zu, dann wird der allerdings Undicht. Wir flüchten unter das Vordach der Strandbude zu einem Engländer, werden auf einen Campari eingeladen und unterhalten uns über die Tour de France. So verbringen wir den Vormittag und einen Teil des Nachmittages.
Ich am Meer

Ich am Meer

Irgendwann müssen wir allerdings trotz Regen weiter. Nach einer Viertelstunde hört die Promenade auf, es folgt ein verlassener Rummelplatz. Wegen der Einmündung eines Kanals von rechts müssen wir ein Stück ins Inland und dann links über eine große Autobahnbrücke auf die andere Seite. Das Wasser steht stellenweise Knöcheltief auf dem Randstreifen. In einer Pizzabude gibts Mittagessen, es schmeckt aber nicht. Weiter durch den Regen. Die Schmerzen gewinnen im Kampf mit den Endorphinen zunehmend an Raum. In Cavallino kaufen wir ein, was an betäubenden Substanzen zu bekommen ist. Das Tageslimit für Paracetamol und ein anderes Schmerzmittel ist fast erreicht. Die folgende Straße bleibt für Stunden ohne Biegung und führt als Allee immer geradeaus. Auf der Karte sieht es nicht weit aus, aber kein Abschnitt des Traumpfades ist mir länger erschienen. Hin und wieder gehen wir an Hinweisschildern auf Campingplätze vorbei. Der, den wir uns ausgesucht haben, ist aber noch nicht dabei. Es wird der letzte sein. Die Füße tun so weh, dass ab und an stehengeblieben werden muss, um die Schmerzen ein wenig abklingen zu lassen. Improvisierte Marschlieder helfen nun auch nicht mehr. Es ist inzwischen dunkel und regnet wieder stärker, die Tagesdosis an Paracetamol, Diazephan und komplementär Alkohol ist jetzt bereits weit überschritten, aber sie zeigt sich keine Wirkung mehr. Hoffentlich gibt es wenigstens keine Blutvergiftung durch die unzähligen offenen Blasen. Vielleicht sollte ich vorbeugend noch ein Antibiotikum einwerfen.
X. am Meer

X. am Meer

Als ich bereits rechts in den Feldern nach freien Flächen Ausschau halte, auf denen man noch eine Nacht mit inzwischen völlig durchnässten und dreckigen Sachen verbringen könnte, taucht schließlich ohne Vorwarnung ein Schild auf: ?Marina di Venezia?. Leider liegt der Campingplatz nochmal 20 Minuten von der Straße entfernt. Irgendwie bringen wir auch die hinter uns und erreichen den eindrucksvollen und voll beflaggten Eingang des Campingplatzes. Es gibt sogar noch einen Platz für unser kleines Zelt, vor ein paar Wochen hätten sie nicht einen Quadratmeter mehr frei gehabt, sagen sie. Man will uns mit einem Golfcaddie zur Parzelle fahren und die Rucksäcke aufladen, aber wir, wir haben zu laufen, jeden Meter! So fährt der Caddie langsam vor uns her während wir so schnell es geht hinterher humpeln. Wir wirken möglicherweise absonderlich auf die restlichen Campinggäste. Marina di Venezia ist ein sehr großer Campingplatz, stellen wir fest, während wir dem Caddie hinterher hecheln. Auf dem zugewiesenen Platz sehen wir
Strandbar vor aufziehendem schlechten Wetter

Strandbar vor aufziehendem schlechten Wetter

nicht all zu viel und stellen unser Zelt so auf der Grenze zwischen zwei Parzellen auf. Wir beeilen uns fertig zu werden, bevor es wieder anfängt stärker zu regnen und zu stürmen. Das Zelt auf ebenem Boden, in den Zeltnägel problemlos gesteckt werden können, aufzustellen und das legal ist bereits großer Luxus für uns geworden. Zur Feier der glücklichen Ankunft gehen wir Pizza essen im Restaurant vor dem Eingang. Geht sehr langsam per pedes dorthin. Zwei große leckere Pizzen. Calzone war?s glaube ich. Kann kaum noch gehen. Durch die wilde Einnahme der Schmerzmittel in sehr merkwürdigem Zustand. Fühle mich flauschig. Stehe in der Tür und atme draußen frische Luft ein. Anscheinend denkt das Personal, dass wir die Zeche prellen wollen. Nach dem Essen endlich schlafen. Geduscht wird morgen, ist eh alles dreckig und nass. Dies war der schönste und schrecklichste Tag der ganzen Wanderung. Nie wieder.

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